Home  
  Lebensdaten  
  Bücher  
  Filme  
  Ausstellungen  
  Demnächst  
  Wortmeldungen  
  Leseangebote  
  Kontakt  
  Edition Ornament  
  Hörspiele  
 
Bücher
Johannes R. Becher  

Johannes R. Becher
Triumph und Verfall
Eine Biographie

Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2003
256 S., 10,00 Euro

Das Epochenpanorama der 800-Seiten-Becher-Biographie als Taschenbuch – nicht einfach „gekürzt“, sondern verdichtet in der Sprache des Becher-Films

 

 
Leseprobe


Auch ein toter Hund kann beißen

Ein Gespenst ging um in Europa, das Gespenst hieß Kommunismus. 150 Jahre lang hat es die Welt in Atem gehalten. Die Dauer zweier Menschenleben, doch wie viel mehr hat dieser letzte Glaube, der Millionen zu bewegen vermochte, mit Hoffnung erfüllt, wie viele mit Leid, Trauer, Zorn.
Wer erfahren will, was sich hinter dem Gespenst verbarg, muß ihm nachgehen, in die Dämmernis des Vergangenen. Viele Pfade führen in dieses Dickicht der Überlieferungen hinein. Man kann die Spur seiner Werke verfolgen, sie sind ausgetreten und gut beleuchtet. Aus den Trümmern seines Untergangs läßt sich auf ein Monster schließen, das in einem Meer aus Blut versank. So wird man bald mehr über das Unding wissen, als jene, die ihm gefolgt waren, als es noch mit lebendigen Lippen sprach. Alles wird man wissen, doch warum dieser mörderischen Bewegung so viele gefolgt waren, das wird niemand mehr verstehen. Am Ende dieses Weges stehen nur noch Zahlen, auf riesigen, erschlagenden Tafeln: Waren es zehn Millionen Opfer, fünfzig, hundert? Warum dies alles? Wozu?
G eschichte als Horrorkabinett oder Totenschau. Aus den Gedärmen des verwesenden Leichnams, aus den Akten seiner inneren Organe, wird auf die Leibesfunktionen des Verstorbenen geschlossen: welch merkwürdiger Casus, die Haut übersät mit Narben, voll innerer Blutungen und zersetzt mit krankhaften Wucherungen. Ein Wunder, daß er so lange gelebt hat.
Man könnte aber auch die anderen fragen, die noch Lebenden und die Toten, was sie einst in die Arme des Gespenstes trieb. Man müßte sich auf ihre Erinnerungen einlassen, die so unsicher sind wie unsere eigenen. Alles wäre in Frage zu stellen, nichts als Gegebenes hinzunehmen. Eine ungewisse Bewegung des Suchens würde den Fragenden ergreifen, für den es nichts Selbstverständliches mehr gäbe, und auch er selbst käme nicht heil davon, wenn er sich auf die Frage einließe, wie er sich verhalten hätte in den Zeiten der Not, wie er sich in und zu seiner eigenen Zeit verhält. Denn leicht ist es, den anderen nach dem gewohnten Maß zu messen, aber schwer, das Eigene im Fremden zu erkennen.
Unternehmen wir einen Versuch. Befragen wir einen Dichter nach seinen Erfahrungen mit dem Gespenst. Dichter sind von Berufs wegen neugierig, sie müssen in die Abgründe ihrer Zeit hinab tauchen, auch wenn sie im Alltag oft mutlos und manchmal auch feige sind. Aber nehmen wir keinen, der seine Zeit überragt. Brecht wird man noch in hundert Jahren lesen, wenn wir nicht bis dahin die Erde und uns selbst als Gattung abgeschafft haben. Brechts Liebeslyrik gehört zum Kanon der Weltliteratur. Doch sein Lob des Kommunismus hat die Kraft des Dokuments verloren, seit es zu den Fingerübungen eines Klassikers zählt.
Ein anderer, aus der zweiten Reihe, verspricht mehr über seine und unsere Zeit zu sagen. Er gehört zu den totesten der toten deutschen Dichter, die keiner mehr lesen will. Und dennoch hat er den meist zitierten, also den lebendigsten, Vers der letzten zehn Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben: „Deutschland, einig Vaterland“.
Johannes R. Becher, der Verfasser der Staatshymne der DDR und ihr erster Kulturminister, war einst umstritten wie kein zweiter Autor in dem geteilten Land. Im Osten wurde er gefeiert als „Dichter des Friedens und des Sozialismus“, im Westen verdammt als „Verräter am Geiste“...



Herstellung: poliTEXTbüro Update: 20.10.2014