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Ausgerechnet Menantes?!
Zur Eröffnung einer neuen Literatur-Gedenkstätte in Wandersleben

Thüringer Allgemeine vom 16.9.2005

Wollen Sie die Wahrheit hören? Als ich vor gut einem Jahr gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, in Wandersleben eine Gedenkstätte für Menantes aufzubauen, da war meine Antwort verdutztes Schweigen.

Wandersleben, wer kennt es nicht, das schmucke Dorf, an dem Tausende vorbeijagen, Tag für Tag auf der A 4 zwischen Erfurt und Gotha. Der sanierte Kirchturm grüßt noch aus der Ferne wie ein Leuchtfeuer, da liegt die Landschaft schon im Rückspiegel. Das Burgenensemble der Drei Gleichen. „Hier müsste man mal anhalten“, sagt der Vater am Steuer. „Aber nicht heute“, sagt die Mutter und zeigt auf die Uhr. „Oh ja,“ rufen die quengelnden Kinder, wenn sie noch jung und mit Fantasie begabt sind, „da könnten wir Ritter spielen“.

Also, warum nicht Wandersleben. Aber wer, zum Teufel, ist Menantes? Den Teufel konnte ich gerade noch verschlucken, denn der Fragende war ein Mann der Kirche. Pfarrer Bernd Kramer, der mit Gemeindemitgliedern schon vor Jahren einen Menantes-Förderkreis ins Leben gerufen hat, um den einst berühmtesten Sohn des Dorfes dem Vergessen zu entreißen.

Da stand ich nun, mit einem Packen Büchern unterm Arm, und trollte mich zu meinem Schreibtisch. Der steht in Jena, wo nicht wenige belesene Leute wohnen. Doch von einem Menantes hatte auch hier noch keiner etwas vernommen. Obwohl er, wie ich aus den Bücherstapeln in meinem Kofferraum erfuhr, einst in Jena studiert hatte.

Wie die Teile eines Puzzles fügten sich vor mir die verstreuten Informationen zu dem schillernden Bild eines Menschen voller Brüche und Spannungen: Geboren wurde er am 29. September 1680 als Christian Friedrich Hunold, Sohn eines Amtmanns und Pächters der Grafen zu Hatzfeld und Gleichen in Wandersleben. Mit elf Jahren verlor er beide Eltern, die kurz hintereinander „an einer hitzigen Krankheit“ starben, wie es im Kirchenbuch der Gemeinde heißt.

Immerhin ermöglicht ihm sein Erbe eine gediegene Bildung: In Arnstadt besucht Hunold die Lateinschule, bevor er 1697 an das gehobene „Gymnasium illustre“ in Weißenfels geht. Am dortigen Hof kommt er zum ersten Mal mit der Welt der Oper in Kontakt, soll er gar als Tänzer auf der Bühne mitgewirkt haben. Im Jahr darauf schreibt sich Hunold für ein Jurastudium an der Universität in Jena ein. Doch das Leben als „galanter Student“ ist teuer. Als sein Vormund ihm vorrechnet, dass sein Erbe von 4000 Talern auf 80 geschrumpft ist, da tritt der Mittellose die Flucht nach vorn an: Im Winter 1700 reist er, mit Sommerkleidern auf dem Leib und ohne Gepäck, nach Hamburg.

Die Hafenstadt wird zum Ankerplatz für den Gescheiterten. In nur sechs Jahren verfaßt er vier Romane, zwei Opern, eine Komödie, ein Oratorium, zwei Gedichtbände und eine Anleitung zum Briefeschreiben, die bis 1755 in 19 Auflagen gedruckt wird.

Aus dem verkrachten Studenten wird ein Bestsellerautor. Menantes, wie er sich nun nannte, war mit 25 Jahren einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit: jung, frech, provokant. Allein sein „Satyrischer Roman“ von 1706 geht zu weit. Die Offenbarung der Affären honoriger Bürger der Hansestadt mit einer Opernsängerin wird zum Skandal, das Buch eingezogen, der Autor verfolgt.

So floh Menantes erneut – diesmal wieder zurück nach Wandersleben. Nach zwei Jahren fand er in Halle ein neues Wirkungsfeld: als Privatdozent für Poetik und Moral an der gerade gegründeten Universität. Er schwor sein frivoles Frühwerk ab, schrieb Benimmbücher und gab artige Gedichte heraus, bis er 1721, mit nur 41 Jahren an Tuberkulose verstarb.

Erstaunlich: dieser Menantes hatte als einer der ersten in Deutschland gewagt, als freier Schriftsteller allein von seiner Schreibarbeit zu leben. Dass er dabei Rücksichten auf die Vorlieben und Abneigungen des Lesepublikums nahm, war ihm nur bedingt vorzuwerfen. Das einzige Porträt, das uns von ihm überliefert ist, zeigt einen wohlgenährten Herrn mit listigen Äuglein und einem verschmitzten Lächeln um die Mundwinkel. Der Mann wusste, was die Leute lesen wollten und er gab dem Kaiser Publikum, wonach es begehrte: amouröse Abenteuer und frivole Gedichte in Hamburg – Konversationslehren über perfekte Ausdrucksformen, um leichter aufzusteigen, und fromme Verse auf die „brünstige Liebe Gottes“ für die Studenten und Bürger im pietistischen Halle.

Das zu zeigen, wäre schon eine Gedenkstätte wert: Wie der Riss durch die Zeit, der Umbruch von barocker Lebenslust und äußerer Pracht zur inneren Besinnung in Aufklärung und Pietismus, das Werk eines Autors zerreißt, der im Rückblick zwischen allen Stühlen sitzt und in kein Schubfach passt.

So konnte man es versuchen, wurde der Auftrag zur Aufgabe. Cornelia Hobohm vom Menantes-Förderkreis half, die lebendigen Texte unter den allzu zeitbedingten aufzuspüren. Bernd Adam, ein Grafiker aus Jena, fand geeignete Formen. Und Mike Schultze sowie André Piontek von der vides media Agentur in Weißenfels begleiteten mich mit ihrer Kamera auf der Suche nach den Lebensspuren des Menantes in Wandersleben, Arnstadt, Weißenfels, Jena, Hamburg und Halle.

Ob es uns gelungen ist, mit Wort, Bild und Ton den vergessenen Autor und seine Zeit in die unsrige zu holen, das kann nun ein jeder selbst entscheiden. Bereits am Freitag tagt ab 9.00 Uhr im Pfarrhof von Wandersleben eine internationalen Konferenz von Fachgelehrten, zu der die Literarhistorische Gesellschaft Palmbaum e.V. in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Neudietendorf und der Musikhochschule Weimar eingeladen hat. Denn Menantes hat nicht nur Opern für Reinhard Keiser geschrieben, sondern auch Kantaten für Johann Sebastian Bach. Wie sie miteinander verkehrt haben könnten, das zeigt ein szenisches Spiel von Schülern und Lehrern aus Wechmar ab 20.00 Uhr in der Kirche St. Petri. Danach hält Detlef Ignasiak einen Vortrag über Barockautoren in Thüringen und zum Schluss hat das Filmporträt über Menantes Premiere.

Kompositionen auf Menantes-Texte werden am Samstag erklingen, wenn das erstklassige Barockensemble Musica Antiqua aus Köln ab 17.00 Uhr in der Kirche spielt. Und im Anschluss daran wird endlich die Gedenkstätte eröffnet. Dann gibt es einen Grund mehr, in Wandersleben Rast zu machen. Sie wissen schon: Zwischen Erfurt und Gotha, direkt an der Autobahn A 4. Nehmen wir uns die Zeit, statt ihr nachzujagen.

Der Katalog zur Ausstellung ist für 13 EUR im Buchhandel erhältlich: „Leben und Werk des vormals berühmten Christian Friedrich Hunold alias Menantes. Mit vielen Bildern und einer Auswahl seiner löblichsten Texte ans Licht gestellt von Jens-Fietje Dwars“. quartus-Verlag Bucha bei Jena 2005, 128 S.


Die Stunde der Wahrheit

(geschrieben am Abend des 11.9.2001, tags darauf von keiner Zeitung oder Zeitschrift angenommen, seitdem unveröffentlicht)

Fernsehen, Radio und morgen die Zeitungen – es gibt nur eine Nachricht. Vergessen der Hunger, an dem Zwanzigtausend täglich verrecken, oder waren es Vierzigtausend, wer will sie zählen. Vergessen der Krieg in Nah Ost, der aufflammte, als der Friede zum Greifen nahe war. Vergessen alle Brandherde dieser geschundenen Erde. Es gibt nur eine Nachricht: heute morgen gegen neun Uhr Ortszeit stürzten vier Flugzeuge auf amerikanischen Boden, entführt von noch unbekannten Terroristen brachten zwei das World Trade Center zum Einsturz, eines raste ins Pentagon und nur das vierte verfehlte sein Ziel – Camp David, das Lager des Präsidenten. Die Realität holt Hollywood ein.

Überall die gleichen Bilder und die gleichen Kommentare: Von Schock ist die Rede, von Betroffenheit, von Sprachlosigkeit spricht man Stunde um Stunde. Ein Kanzler und sein Außenminister stehen vor der Kamera, mit zerknirschtem Gesicht, als habe man ihnen ihr Lieblingskätzchen geraubt. Keine Träne, das wäre zu viel, das wissen sie, sie sind Profis in ihrem Geschäft und haben schon andere Proben bestanden. Eine Kriegsbeteiligung ohne UN-Mandat, wider das Völkerrecht, vor nicht langer Zeit. Die Häuser, die man aus Versehen traf, waren nicht so hoch, die Kollateralschäden folglich geringer. Den Betroffenen war es kein Trost. Sie blieben sprachlos, in ihren Gräbern, wie die Unschuldigen unter den Trümmern des World Trade Centers.

Die Stunde Null, heißt es, habe für Amerika geschlagen. Nichts werde morgen mehr sein, wie es gestern war, nach der heutigen Wende. Was ist geschehen? Aus heiterem Himmel kam der Krieg in Gottes gelobtes Land. Ein unerklärter Krieg, eine anonyme Gewalt, die gebannt schien, da draußen, irgendwo an den Rändern der Welt. Der Traum von der eigenen Unangreifbarkeit hat sich verkehrt ins Trauma des Ausgeliefertseins an unfaßbare Mächte. Der Weltgendarm, der aus zwei Weltkriegen siegreich hervorging, dessen Städte nie von Bomben erschüttert wurden, sieht sich im Mark getroffen – in den Symbolen seiner wirtschaftlichen und militärischen Macht.

Es ist die Stunde der Wahrheit, in der die Vereinigten Staaten von Amerika und mit ihnen der gesamte freiheitlich-demokratische Westen schockhaft erfährt, was ein Staatsmann des Ostens vor zwei Jahrzehnten zu bedenken gab: daß es nur eine Welt gibt, in der jeder des anderen Schicksal teilt, in der Macht, Stärke und Gewalt nur Ohnmacht, Haß und Gegengewalt zeugt.

Terror ist kein Regen, der aus Wolken fällt, und es gibt keinen Schirm, der davor schützt. „Sozialismus oder Barbarei“ hieß die Wahrheit vor einem Jahrhundert, am Anfang unserer zu Ende gehenden Zeit.

Jena, 11. September 2001


Klassische Wohnart in musealer Konstruktion
Was erzählen das Kirms-Krackow- und das Goethe-Haus in Weimar?
Ein Vortrag an der Bauhaus-Universität

gedruckt in: Palmbaum, Heft 1+2 / 2004


Ortsbestimmung
oder
Gründe des Schreibens*

Achtunddreißig mal Tausend
Jahre über dem Grund, wo
Die Höhle im Fels Schutz
Bot den Jägern und Sammlern,
Sedimente des Glücks und der
Trauer, aufbewahrt im Schoße
Der Burg, die Eckehard baute,
Auf solch schwankendem Grund,
Sitz ich und warte auf
Rache für das World Trade Center.

Ranis, 17. September 2001

* Die Burg Ranis bei Pößneck wurde im 12. Jahrhundert auf einem Korallenriff aus der letzten Eiszeit errichtet. In einer Höhle des Felsens haben Archäologen zwischen 1926 und 1938 zwölf Schichten menschlicher Ablagerungen freigelegt, deren älteste zu den bedeutendsten Funden paläontologischer Kultur in Europa zählt. In der Vorburg darüber sind durch die Literaturakademie Ranis und den Lese-Zeichen e.V. zwei Schreibwohnungen entstanden. Ich danke für die Möglichkeit eines Aufenthalts im Herbst 2001.

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Wortbruch

Suche
Die empfindliche Stelle
Und bohr ihn hinein
Den Sprengsatz des
Zwiespalts tief im
Massiv der Erfahrung
Liegt alles geschichtet
Verborgenes viel ruht
In den Adern erstarrt
Lüge und Wahrheit unter
Der Last des Vergessens
Reißen die Fugen im Wort-
Bruch schimmert der Wohl-
Laut unter taubem
Gestein.

(2001)

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kinder fragen

maikäfer flieg
dein vater ist im krieg
was ist krieg?
hast du mich
gefragt

maikäfer flieg
dein vater ist im krieg
was ist ein maifkäfer?
fragen deine kinder
bald

(2004)

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g

sonntag
um mitternacht
fällt er vom sockel
herab

pünktlich
mit dem zwölften schlag
trägt schiller den lorbeer
allein

sonntag
um mitternacht
schleicht er davon
auf den pfaden
der lust

(2004)


Das Exempel Nietzsche.
Vorzüge und Grenzen familiärer Pflege von psychisch Kranken

„Ich suchte meine schwerste Last, da fand ich mich.“
Friedrich Nietzsche 1889 / in der Jenaer Psychiatrie

Am 3. Januar 1889, so erzählen alle Nietzsche-Biographen, habe der Philosoph auf der Piazza Carlo Alberto in Turin einen Droschkenkutscher erblickt, der seinen Gaul mit der Peitsche traktierte. Wehklagend sei er dem Tier um den Hals gefallen, als wolle er die Kreatur noch retten und war doch selber schon verloren.

Legendär sind die Berichte vom Zusammenbruch des verrückt gewordenen Professors. Ganze Bibliotheken füllen die Spekulationen über Ursachen seiner Krankheit. Die Diagnose von Ludwig Wille in der Nervenklinik von Basel, wohin Nietzsches Freund Overbeck den Kranken wenige Tage darauf gebracht hatte, war eindeutig: fortschreitende Paralyse infolge syphilitischer Infektion. Franziska Nietzsche, seine Mutter, eilte sogleich herbei, um ihren Sohn abzuholen. Gegen den Rat aller Ärzte bestand sie darauf, den geistig Verwirrten nach Jena zu bringen, wo sie hoffte, ihn vom nahegelegenen Naumburg aus besuchen zu können. Am 18. Januar 1889 traf Nietzsche in der „Großherzoglich-Sächsischen Irren-Heil- und Pflegeanstalt“ ein. Ihr Leiter, Otto Biswanger, auf Paralyse spezialisiert, bestätigte den Befund seines Kollegen. Obgleich der Verlauf der Krankheit alles andere als typisch war: viel eher hätte sie nach der vermeintlichen Infektion ausbrechen müssen, für die es bis heute keine sicheren Belege gibt.

Aber was ist schon sicher im Leben eines solch hochgradig nervösen Menschen, für den Krankheit und Tod die treuesten Begleiter waren. Mit fünf musste er erleben, wie sein Vater im 36. Jahr an „Gehirnerweichung“ dahinsiechte. Ein Schicksal, das er auch für sein eigenes hielt, seit ihn schon als Kind wegen starker Kurzsichtigkeit zunehmende Kopfschmerzen plagten und ein Augenarzt dem Fünfzehnjährigen eröffnete, er werde wie sein Vater dereinst erblinden. Jeden Tag, den er nach dem 15. Oktober 1880, nach seinem 36. Geburtstag erleben durfte, hielt Nietzsche für ein irrtümliches Geschenk, für ein Versehen der Götter. Das war der neuralgische, der alles entscheidende Punkt seines Lebens und Denkens: der Krankheit, die ihn oft tage-, manchmal wochenlang niederzwang, das Ja zum Leben abzuringen, es mit all seinen Abgründen auszuhalten und nicht in die Fangnetze eines jenseits erlösenden Gottes zu fliehen. Unverstanden von einer Zeit, die sich dem Wahn des Fortschritts hingab, und enttäuscht von denen, die er liebte, zog er sich in die Bergwelt von Sils Maria zurück, wo er den „Zarathustra“ schrieb, den niemand lesen wollte. Ein Stück Fleisch, das mit abgezogener Haut durch die Welt irrt, ein Narr, der mit einer Laterne am Mittag den Tod Gottes verkündet, der mit seiner Aufklärung eines aufgeklärten Zeitalters von allen nur verlacht wird. So sah er sich selbst. Und wenn er mit diesem Selbstbewusstsein im Herbst 1888 in einem lustvollen Rausch, plötzlich von allen Schmerzen befreit, gleich fünf Bücher aus sich heraus schleudert, wer will da noch unterscheiden, was davon die Vollendung einer selbst gewählten Lebensart war und was der ausbrechenden Krankheit geschuldet?

Wie auch immer wir die Krankheit nennen, in welchem Schubfach wir sie rubrizieren, vor unseren tieferen Blicken verbergen wollen, um unbequemen Fragen zu entgehen, - Nietzsche hatte sie sich längst zu eigen gemacht. Nur, was wussten denn Wille, Binswanger und sein Assistent Theodor Ziehen von diesem Nietzsche? Für sie war er ein Patient wie jeder andere, ein kautziger Gelehrter mit skurrilem Schnauzbart und verschrobenen Ansichten, die in Buchform zu studieren, sie weder Muße noch Grund hatten: „Sie hätten zu derartigen Schöngeisterschriften so wenig Zeit“, schrieb Franziska Nietzsche am 9. April 1889 resignierend an Overbeck. Das war in der Tat kein böser Wille oder bewusste Ignoranz. Binswanger galt als einer der besten Nervenärzte seiner Zeit. Die Klinik bestand erst ein Jahrzehnt, war ein moderner Neubau, in dem man die Zwangsjacken abgeschafft hatte und die Türen zu den Krankenzellen am Tage offen ließ. Doch gerade weil Binswanger auf der Höhe der Zeit stand, blieb er ihren Anschauungen verhaftet. Es war die Zeit großer technischer Erfindungen, ein Triumph des mechanischen Denkens, dem kein Problem mehr unlösbar erschien. So suchte man bei Geisteskrankheiten nur nach rein organischen Ursachen, Nerven- oder Hirndefekten. Das eigentlich Psychische, das vordem „Seele“ hieß, wurde den Schöngeistern, den Märchenerzählern überlassen. Das Unbewusste, die abgründige Innenwelt des Menschen, die sich ihr Äußeres zu schaffen vermag, dieses gefahrenvolle Labyrinth, das Freud zur gleichen Zeit in der Nachfolge genau des Nietzsche zu erforschen begann, der nun in der Binswangerschen Anstalt saß, das alles interessierte die Nervenheilkunde nicht. Noch 25 Jahre später wird Binswanger den Expressionisten Johannes R. Becher, der sich laut Jenaer Krankenakte täglich bis zu 40 Spritzen einer 0,2-prozentigen Morphiumlösung gab, nach der gleichen Methode behandeln: mit rabiatem Entzug. In zehn Tagen wird der exzessive Morphinist von 40 Spritzen auf null gesetzt und als „geheilt“ entlassen. Ohne Therapie, ohne die eigentlich psychische Genesung, ohne zu fragen, was den Patienten denn in die selbstzerstörende Sucht getrieben hat ...

Zu dieser zeit- und berufsbedingten Blindheit kamen die fehlenden Mittel, die notorische Unterbesetzung der Klinik: „‚... was sind drei Ärzte für 200 Kranke in der Anstalt’, hatte ja selbst Binswanger gesagt. Dazu habe er noch 300 in den Stadtkrankenhäusern, sagte man mir, und alle Tage liest er Kolleg, hat Sprechstunden, Sezierungen usw. Darum bin ich so gegen solche Anstalten. Seitdem ich alles erlebt habe und ich denke darum, da sie sehen wie gut trotz ihrem Bangemachen alles mit Fritz geht, was Binswanger ‚auf die mütterliche Liebe [schiebt], was die fertig brächte, man wieder einmal sähe’, man ist mir von dort her nicht hold, wich mir doch Dr. Ziehen sogar aus als er uns einmal in Jena in der Stadt begegnete, als dass er sich anstandshalber erkundigt hätte. Doch mein lieber alter Fritz ist auf von seinem Mittagsschläfchen und spielt eben, wie ich höre, die ‚Meistersinger’, da heißt es schließen und auf die Veranda und vorlesen, denn Wagnersche Sachen lasse ich ihn gleich gar nicht spielen.“

So steht es im Brief der Mutter an Overbeck vom 5. Oktober 1890. Ein nüchternes Schreiben, hektisch und ohne Zeit für Korrekturen den wenigen Minuten des Tages abgerungen, die der Sohn nicht beansprucht. Ein Dokument, das in seiner scheinbaren Konfusion die ganze vielschichtige Tragödie wie in nuce enthält, die sich seit Nietzsches Einlieferung in die Klinik abgespielt hat. Zeitlich überfordert und beruflich an dem Kranken nicht sonderlich interessiert, hatten die Ärzte ihn mit Medikamenten ruhig gestellt und sich selbst überlassen. Wenn er „trotz 2,0 Chloral“ lärmte, wurde der Patient „isoliert“, wie seine Krankenakte mehrfach vermerkt. Was sollten sie sonst mit ihm anfangen? Der Befund war eindeutig, Heilung ausgeschlossen, die vollständige Umnachtung und der baldige Tod in ein oder zwei Jahren abzusehen. Wenigstens für die Wissenschaft hatte er noch einen Wert. Um die Symptome der Paralyse an ihm vorzuführen, ließ Binswanger den Herrn Professor vor seinen Studenten auf- und abstolzieren. Weil der aber zu langsam schlurfte, rief ihm der Arzt zu: „Ein alter Soldat wie Sie wird doch noch ordentlich marschieren können!“ Worauf der seiner selbst nicht mehr mächtige Denker wie eine Marionette den Hörsaal mit festem Schritt durchmaß.

Nach zehn Monaten, in denen die Mutter ihren Sohn kaum sehen durfte, um ihn, wie die Ärzte ihr erklärten, nicht unnütz zu erregen, schien Hilfe zu nahen. Julius Langbehn, ein Schriftsteller aus Dresden, erbot sich, Nietzsche durch eine Gesprächstherapie zu heilen. Immerhin hatte er von Binswanger die Erlaubnis erhalten, den Kranken auf den Landgrafen, einen Berg hinter der Klinik, zu führen. Auf ihren Spaziergängen sprachen sie über die Bücher des Philosophen, dem diese Aufmerksamkeit sichtlich wohl tat, bis er den selbsternannten Retter nach sechs Wochen aus der Zelle warf, weil der ihm vorhielt, sich selbst mit seiner Lebensweise ruiniert zu haben.

Langbehn, der kurz darauf mit einem „völkischen“ Buch über Rembrandt zu zweifelhaftem Ruhm gelangte, war gewiss der falsche Therapeut, aber sein Ansatz nicht verkehrt. Das bemerkte auch Franziska Nietzsche, die im Januar 1890 nach Jena zog, um die Pflege ihres Sohnes in die eigenen Hände zu nehmen. Schon zuvor war Heinrich Köselitz, Nietzsches langjähriger Vertrauter, angereist. Beide nahmen im gleichen Haus Quartier. Tagsüber versorgte die Mutter nun dort ihren „Herzensfritz“, den sie nur Abends wieder in die Klinik zurück brachte. Als sie zwei Monate darauf eine größere Wohnung im Ziegelmühlenweg fand, blieb der Sohn auch über Nacht. Bis er ihr im Mai davonlief und sich auf offener Straße auszog, um in einer Pfütze zu baden.

Ein Skandal! Der Kranke soll erneut in die geschlossene Anstalt, doch die Mutter entschließt sich, die volle Verantwortung für den Entmündigten zu übernehmen. Fluchtartig verlässt sie mit dem Sohn die Stadt und fährt nach Naumburg, wo sie ihn bis zu ihrem eigenen Tod im April 1897 pflegen wird. Sieben Jahre lang, Jahre wachsender Mühen, aber auch der nie vergehenden Gewissheit, die einzig mögliche Hilfe geleistet zu haben, die sie bis zuletzt als ein Glück für beide empfand.

Ihre Therapie war denkbar einfach: Lange Spaziergänge und häufige Bäder, anfangs noch in der Saale, später in der heimischen Wanne, sollten die Nerven des Kranken beruhigen, von dem sie lange glaubte, dass er sich nur überarbeitet habe. Immer wieder schrieb sie Overbeck, wie gut, gesund und kräftig ihr Fritz aussehe. Zu recht stolz auf das Lob ihrer Umwelt. Selbst Binswanger, der Nietzsche 1891 in Jena bei einer befreundeten Familie in Augenschein nahm, zeigte sich überrascht. Sein Aussehen sei vortrefflich, wenn auch der Zustand insgesamt noch viel zu wünschen übrig lasse. Da war über ein Jahr vergangen, in dem sich der Arzt kein einziges Mal nach seinem Patienten erkundigt hatte. Allzu sehr grollte er der Mutter, die sich für klüger als die Mediziner hielt. Erst als sie 1892 beginnt, sich mit der Diagnose des Fachgelehrten abzufinden und die Hoffnungen auf eine geistige Genesung aufgibt, ist auch Binswanger bereit, ihre Pflegeleistung uneingeschränkt anzuerkennen und endlich die Schriften des Kranken zu lesen, den er nun einen „Adler mit gebrochenen Schwingen“ nennt.

„‚Das macht Ihnen keine nach, keine’“, zitiert Franziska das Lob des Gelehrten, und vergisst nicht ihre Erwiderung anzufügen: „’gewiss aber Mütter’“. Das war der Grund ihrer unermüdlichen Aufopferung – mütterliche Liebe, die in sich selbst ihren Lohn findet. Immer mehr verblassten die Erinnerungen des Sohnes, genau so, wie es Binswanger prophezeit hatte. „Immer und immer ist aber meine Seele voll von innigen, innigen Danke gegen den lieben Gott, dass ich dieses Herzenskind nur pflegen kann ...“

Als Tochter eines Landgeistlichen und Witwe des Pfarrers von Röcken verstand sie die Pflege nicht nur als christlichen Auftrag, sondern auch als ein Geschenk, als Gnade Gottes, der ihr das Kind wieder zurück gab, das ihr als selbständig denkender Mann immer fremder geworden war, da er sich zuletzt als „Antichrist“ bekannte. Insofern hat ihre selbstlose Hilfe durchaus auch Züge einer Vereinnahmung, die auf tragikomische Weise Nietzsches Philosophie vom „Willen zur Macht“ noch in den verborgensten Formen bestätigt. So kleinbürgerlich, wie sie erzogen war, tat Franziska alles, um den Schein zu wahren – den Schein der physischen Gesundheit durch stundenlange Spaziergänge, die sie immer weiter in den Wald hinaus schob, damit niemand seine fortschreitende Krankheit bemerke. Und als er auch dort Entgegenkommende wild gestikulierend grüßen will, da verlegt sie die Gänge auf die Zimmer ihres Hauses, aus dem längst alle Mieter geflohen waren, in dessen letzten Winkel sie sich mit dem Kranken zurück zog, damit sein dumpfes Brüllen nicht nach draußen dringe.

Doch was sollte die Siebzigjährige in dem muffig biederen Naumburg denn anderes tun, in einer Zeit, in der Wahnsinn nicht mehr als Auszeichnung der Götter galt, wie einst in der Antike, sondern als ein eher teuflisches Stigma, das zu verbergen war. Das Erstaunlichste an ihrer Pflege ist der nüchterne Sachverstand, von dem sie sich vorurteilsfrei leiten ließ. Von ihrem Vater, der zugleich Landwirt auf der eigenen Scholle war und den Bewohnern seines Dorfes mit Naturheilmitteln praktisch helfend zur Seite stand, hatte sie diese Grundhaltung nebst handfesten Rezepten übernommen. Daher die Spaziergänge und Wasserkuren, oder eine Weintrauben-Diät, als der Kranke mangels Bewegung zu „massig“ wurde. Weintrauben, verkündet heute die Ernährungswissenschaft, beschleunigen die Fettverbrennung. Franziska wusste das längst. Dazu aber kam noch etwas. Mit feinem Sinn für scheinbar Nebensächliches war sie bereit, sich von dem Patienten selbst belehren zu lassen, von seinen Bedürfnissen, wie dem nach ihrer Hand auf seiner Stirn. Eine winzige Wohltat, die ihm Frieden verlieh: „All die kleinen Dinge muss man nach und nach ihm ablernen ...“

Freilich, sein Bedürfnis Wagner zu spielen, noch in der Umnachtung mit dem in Hassliebe Verbundenen zu ringen, diesen Wunsch gestattete sie dem Kranken nun doch nicht, der am Ende blieb, was er von Anfang für sie war: ihr Kind. Darin liegen Größe und Grenzen ihrer Pflege zugleich begründet, das eine untrennbar mit dem anderen verbunden. Und noch eine Grenze blieb auch im Familiären bestehen: die Unheilbarkeit der Krankheit, deren Ende die Mutter mit all ihrer Hingabe nur hinauszögern konnte und deren Schmerzen sie lediglich zu lindern vermochte.

War also doch die ganze Anstrengung sinnlos, hätte Nietzsche in der Anstalt verdämmern sollen, da sein Licht schon erloschen war? Wie Heinrich Köselitz oder Overbeck es sahen, die ihn gleich den Ärzten überlassen, ihn aufgegeben hatten. Oder ist am Ende Menschlichkeit selbst etwas Zweckloses?

Manchmal wiegt ein „nur“ Welten auf.

Literatur:

  • Der kranke Nietzsche. Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck. Hrsg. von Erich F. Podach, Wien 1937
  • Pia Daniela Volz. Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit. Würzburg 1990 (enthält Nietzsches Krankenakte)
  • Jens-F. Dwars. Triumph und Verfall. Johannes R. Becher. Eine Biographie, Berlin 2003
  • Dwars / Kai Agthe. Wo liegt Kaisersaschern? Nietzsches mitteldeutsche Herkunft und Heimholung. Bucha 2000

Der Verfasser hat 2003 die Nietzsche-Gedenkstätte in Röcken mit den Grafikern Jo Schaller und Rüdiger Giebler neu gestaltet.


 
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