Home  
  Lebensdaten  
  Bücher  
  Filme  
  Ausstellungen  
  Demnächst  
  Wortmeldungen  
  Leseangebote  
  Kontakt  
 
Bücher
Wo liegt Kaisersaschern?  

Wo liegt Kaisersaschern?
Friedrich Nietzsches mitteldeutsche Herkunft und Heimholung
Essay mit Kai Agthe

Mitteldeutsche Miniaturen Bd. 5
quartus-Verlag, Bucha 2000

Taschenbuch, 144 S., 81 Abb., 7,90 EURO.
ISBN 3-931505-78-2

Thomas Mann hat in seinem Nietzsche-Roman "Dr. Faustus" ein Symbol der geistigen Mitte Deutschlands geschaffen: Kaisersaschern.
Das Buch erkundet die Lebensspuren Nietzsches zwischen Röcken und Weimar im Spiegel des Mannschen Mythos.
Eine reich illustrierte Kurzbiographie, die zugleich ins Labyrinth mitteldeutscher Geschichte führt.

 
Leseprobe


Kaisersaschern?
Die mythische Mitte Deutschlands

In den Jahren größter Bedrängnis, da er das Land seiner Geburt in Schuld und Asche versinken sah, stieg in Thomas Mann ein Sinnbild dieser untergehenden Welt auf: Kaisersaschern, eine Stadt “mitten im Heimatbezirk der Reformation” gelegen, im Herzen der Luther-Gegend, südlich von Halle, gegen das Thüringische hin, mit Schloß und Dom, schon in seinem äußeren Bilde etwas stark Mittelalterliches bewahrend.
“Die alten Kirchen, die treulich konservierten Bürgerhäuser und Speicher, ..., baumbestandene Plätze, mit Katzenköpfen gepflastert, ein Rathaus, im Baucharakter zwischen Gotik und Renaissance schwebend, ... – dergleichen stellt für das Lebensgefühl die ununterbrochene Verbindung mit der Vergangenheit her ...”
So lesen wir mit Hochgenuß und Bedenklichkeit, denn: “in der Luft war etwas hängengeblieben von der Verfassung des Menschengemütes in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts ...” Etwas Bedrohliches haftet dem Idyll an, in dem Thomas Mann seinen “Dr. Faustus” aufwachsen läßt, den Tonsetzer Adrian Leverkühn, das Genie, das sich dem Teufel ergibt, weil es mit herkömmlichen Mitteln in der Kunst kein Fortkommen mehr sieht.
Literaturgeschichten haben uns daran gewöhnt, Kaisersaschern in Naumburg zu verorten und den Roman als ein Gleichnis auf Friedrich Nietzsche zu lesen, auf den großen Stiefsohn der kleinen Saalestadt. Obwohl es in Naumburg nie ein Schloß gegeben hat. Es gab eine markgräfliche Burg, ein “Schlößchen” am Markt, das erst dem Messehandel, später dem evangelischen Bischof diente, und daneben die bescheidene “Residenz” des Herzogs Moritz von Zeitz, aber kein wirkliches Schloß. Auch das Grabmal von Otto III., dem deutschen Imperator, der von Rom aus die christliche Welt zu vereinen suchte, findet sich nicht im Naumburger, sondern im Aachener Dom.
Nein, Kaisersaschern ist nicht Naumburg, das im Roman ausdrücklich neben jener Stadt existiert, in der des Kaisers Asche noch glimmt, in der die “Hysterie des ausgehenden Mittelalters, etwas von seelischer Epidemie” noch spürbar sei. Und auch der Leverkühnsche Hof Buchel beim Dorf Oberweiler nahe Weißenfels nichts mit Röcken zu schaffen, in dessen Pfarrhaus Nietzsche 1844 geboren wurde. Seine Vorfahren waren keine Landwirte und sein Vater hat, soweit die Quellen es belegen, nie “in den elementa spekuliert”.
Das klingt nun schon nach Besserwisserei und scheint gänzlich die künstlerische Freiheit zu vergessen. Allein es ging ja Thomas Mann nicht um bloßes Fabulieren. Sein “Faustus” soll eine Verdichtung deutscher Geschichte sein, so symbolisch wie Goethes Theaterheld: Ein Gleichnis für den katastrophalen Irrweg eines ganzen Volkes, dessen Anfänge Thomas Mann im ausgehenden Mittelalter erblickt - im Protestantismus als einer Brücke nach vorn und zurück, zu neuzeitlicher Selbstbestimmung und fortgesetzter Teufelsseherei. So stellt der Roman die Diagnose einer Volkskrankheit: der Verkehrung von Tatkraft in Innerlichkeit, einer Kompensation von weltscheuer Einigelung vor allem Fremden durch romantische Sehnsucht nach universaler Einheit, die zur Musik und Spekulation drängt.
Aus Thomas Manns lebenslänglicher Auseinandersetzung mit dem eigenen “Deutschtum” erwuchs ein großer, wohl der “deutscheste” aller deutschen Romane: voll bitterer Selbstabrechnung und heiter ironischem Spiel, modern arrangiert und zugleich spekulativ altertümlich tönend, als spräche ein Zeitgenosse Luthers zu uns über vier Jahrhunderte hinweg.
Und dennoch, oder gerade deshalb, ist die Frage erlaubt und notwendig, inwieweit Kaisersaschern, das großartige, in sich stimmige Symbol einer verhängnisvollen seelischen Kontinuität, des Verhaftetseins in “altdeutschem Provinzialismus”, die wirkliche Mitte Deutschlands trifft und mit ihr das Phänomen Friedrich Nietzsche erklärt.
Oder umgekehrt: Ob nicht ein Nachspüren seines authentischen Lebens und Schreibens in dieser Region auch eine andere Deutung des Vergangenen erlaubt?
Reisen wir auf den Spuren Nietzsches durch Mitteldeutschland, ins Labyrinth unserer eigenen Geschichte.




Herstellung: poliTEXTbüro Update: 20.10.2014