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Edition Ornament
Hans-Dieter Schütt. Draußen daheim. Essays

 

"Artist"
Holzschnitt,
Vorzugsgrafik von Hans Ticha

 

Hans-Dieter Schütt
Draußen daheim. Wahrnehmungen.
Mit drei Holzschnitten von Hans Ticha


Hrsg., gestaltet und mit einem Nachwort versehen
von Jens-Fietje Dwars
136 Seiten, Engl. Broschur mit handmont. Etikett
in Prägung, weinrote Initialen sowie Vor- und
Nachsatzpapier und Lesefaden in gleicher Farbe.
500 num. Expl.

50 Vorzugsexemplaren liegt je ein signierter
Holzschnitt "Artist" von Hans Ticha bei,
gedruckt von Bettina Haller auf Zerkall Bütten.



ISBN 978-3-943768-35-0

Vorzugsausgabe Nr. 1-50: EUR 59,90 EUR
Normalausgabe Nr. 51-500: EUR 15,90 EUR

Zu bestellen beim Herausgeber


 

 

Holzschnitte von Hans Ticha

 


Nachwort

ain Mann, dessen Texte die Leserschaft spalten: die einen bewundern ihn als brillanten Stilisten, die anderen verachten einen Saulus, der sich zum Paulus gewendet habe. Liebe oder Hass, ganz oder gar nicht. Das ist Hans-Dieter Schütt: 1948 in Ohrdruf, am Rand des Thüringer Waldes geboren, Gummifacharbeiter, Buchhändlerlehring, Student der Dramaturgie und Theaterwissen-schaften, seit 1973 Filmkritiker der Jungen Welt, von 1984 bis zum Wendeherbst Chefredakteur dieser Jugendzeitung der DDR. Zugleich Sekretär im Zentralrat der FDJ, ein Agitator, Einpeitscher der Staatsdoktrin?
So führt ihn Wikipedia noch heute vor, jenes Zeitgeistlexikon, in dem jeder mitschreiben kann, aber nur wenige im Verborgenen entscheiden, was veröffentlicht wird: als „Feingeist und Scharfmacher, ‘kurz: ein Demagoge’“. Man zitiert einen Rezensenten von Schütts Autobiografie Glücklich beschädigt (2009), nicht den Autor selbst; fixe Urteile werden abgeschrieben und als Wahrheiten verbreitet, statt die Leser zu ermutigen, sich ein eigenes Bild zu machen, die Dinge mit eigenen Augen zu sehen. Dabei hatte Schütt in dem Buch praktiziert, was andere fordern: Aufarbeitung von Geschichte als dem, was mit und durch uns selbst geschieht. Und das nicht nur in diesem einen, in all seinen mehr als 30 Büchern, die er seit der Wende schrieb, in Biografien, Essays und Gesprächen fragt er sich und sein Gegenüber nach dem anders Möglichen jenseits gängiger Karrieren. Die Wende, der Absturz vom Chefredakteur der zweitgrößten DDR-Tageszeitung zum Nichts, zum vogelfreien Journalisten, der neu beginnen muss, hat auch ihn befreit, sein Denken und Sprechen von verinnerlichten Zwängen entbunden. Neben seinen Büchern zeugt das Feuilleton des Neuen Deutschlands davon, in dessen Redaktion Hans-Dieter Schütt von 1992 bis 2012 gearbeitet und den Wandel des einstigen Parteiorgans zu einer streitbaren linken Tageszeitung maßgeblich mitgeprägt hat.
Manche lasen das Blatt nur seiner Kritiken, Glossen und Essays wegen. Eine Auswahl vereint dieser Band: Porträts von Regisseuren, Schauspielern und Schriftstellern, von Grenzgängern und Abenteurern, ein längst überfälliges Loblied auf alle Statisten und Nebendarsteller, Überlegungen zum Erfolgsgeheimnis von Chaplin und Donald Duck bis hin zu einem kleinen Versuch über das Licht.
Immer wieder geht es um die Schärfung unserer Wahrnehmungen, um das genauere Lesen, Hinsehen und -hören. Den Unbedingten, den Brennenden, die sich in ihrer Arbeit verzehren und stets neu erfinden, gilt Schütts Augenmerk, deren Lebensgesetze versucht er in ihren je eigenen Widersprüchen zu ergründen.
Vielleicht war für solch einen lebendigen Blick gerade das befreiende Scheitern im eigenen Leben vonnöten. Während Siegen verdummt, wie Nietzsche den Deutschen schon 1871 ins Stammbuch schrieb, nötigen Niederlagen zur Neuorientierung. Wer nicht gleich wieder neuen Fahnen folgt, hat die Chance, sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zu lösen, wie Kant einst Aufklärung definierte.
Freilich gab es in der DDR auch wache Geister, die schon immer die Distanz zur Macht gewahrt haben. Leben und Werk von Hans Ticha stehen dafür exemplarisch: 1940 im böhmischen Tetschen geboren, wuchs er in Schkeuditz auf, studierte Pädagogik in Leipzig und, nach kurzem Lehrerdasein, Kunst in Berlin-Weißensee. Seit 1970 ist Ticha freischaffender Maler und Grafiker, bis 1990 im Prenzlauer Berg, danach in Mainz und seit 1993 im Hessischen Maintal. Er galt – neben Wasja Götze – als der Pop-Künstler der DDR, weil seine Vorliebe zu den bunten Farben und plakativen Figuren der Pop-Art von Anbeginn auffielen. Kenner der Kunstgeschichte verweisen auf Fernand Léger, Bauhausmaler wie Oskar Schlemmer und die russischen Konstruktivisten als seine Vorbilder. Doch wirklich erkannt ist damit nichts. Wie ein guter Schriftsteller seine Vorgänger nicht zitiert, um die eigene Bildung auszustellen, so nimmt ein Maler keine Anleihen bei den Großen der Zunft, um sich damit zu schmücken. Tichas Beitrag zur Pop-Art ist ganz und gar eigenständig: während Warhol & Co im Westen die schrille Werbewelt in Kunst transformierten, spielte Ticha mit der Werbung des Ostens – den Verheißungen der Propaganda: „Reflexionen der Selbstdarstellung der Herrschenden“ nennt der Maler seine Bilder.
Aber nicht nur die Herrschenden erscheinen darauf als entindividualisierte, stromlinienförmig angepasste Leiber mit kleinen Köpfen, jedermann, auch die Beherrschten, die sich frei dünken, werden als Marionetten an unsichtbaren Fäden kenntlich. Vor und nach der Wende. Und dies wiederum nicht im Gestus bierernster Entlarvung, sondern immer mit einem Lächeln: keine Häme, die nur andere in ihrer Schwäche zeigt, sondern ein befreiendes Verlachen des menschlich Allzumenschlichen. Das unterscheidet ihn von vielen, die sich heute ihrer einstigen Dissidenz rühmen: dass er nie nur Rechthaben wollte und zur Gegenwart nicht schweigt. So auch in diesem Buch: Da steht am Anfang ein Eintrichterer, der mit dem Kampfgruß der geballten Faust sein Gegenüber hypnotisiert. Gefolgt vom nackten Mann als Kräfteschema und einem namenlosen Artisten, der als Alleskönner durchs Leben radelt – wie wir alle.
Und das verbindet die Grafiken mit den Texten: in beiden verdichten sich präzis geschärfte Wahrnehmungen.



Leseprobe

Charlot: Der Luftmensch

Das ist und bleibt Charlot: der unsterbliche, kleine, schmächtige Mann. In diesen zu weiten Hosen, in deren Taschen so viele Tragödien Platz haben.
In diesen zu großen Schuhen, in denen er über sich selbst stolpern kann. In dieser zu großen Welt, in der er die Verlassenheit des Einsamen atmen muss, aber auch den Stolz des Außenseiters hervorkehren kann. Chaplins Charlot ist vielerlei. Er ist der Dandy als Vagabund, der Vagabund als Dandy, und von beidem auch gleich noch die Parodie. Ist aber auch die Inkarnation des beliebigen Mannes von der Straße: Die Melone soll ihm Würde verschaffen, der Schnauzbart demonstriert seine Eitelkeit; der Veston, das Stöckchen und seine Manieren wollen auf einer Wolke von Illusion den Eindruck von Galanterie begründen. Auch von Draufgängertum. Denn Charlot, im kecken, koketten Wiegegang, möchte vor der Welt bestehen, er will sie düpieren und sich zugleich selbst bemitleiden. Das Selbstmitleid macht ihn schöpferisch: Damit hat er Millionen Menschen zum Lachen gebracht. Nach dem Gesetz des Bruders Beckett: bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen. Auch wenn es oft nur der sehr bittere Spaß ist, in den alle Wege führen.
Aber Charlot ist eine noch weit schwierigere Figur. In ihm hat Ahasver, der herumirrende Jude, ebenfalls Gestalt angenommen; er ist der Luftmensch, der Entwurzelte. Er will glücklich sein und überlebt deshalb alle Katastrophen. Aber er liebt seine Katastrophen, auch wenn er unglücklich ist. Charlot ist gleichzeitig diebisch und ehrlich, ängstlich und tapfer, aber es steckt vor allem auch die Bösartigkeit der Schwachen in ihm. Denn die sind oft am wenigsten gut, sie können es sich nicht leisten. Im Grunde ist er ein Kind, und zum Kind gehört, dass es kein Mitleid hat. Am Schluss des Filmes Modern Times sehen wir ein Paar von hinten, schon wird es eingekreist vom Schwarz der sich schließenden Kameralinse: die Wunderschöne mit luftigem Kleid und elegantem Hut. Daneben er, der Watschel, und so arg kleiner als sie. Da feiert die Unwahrscheinlichkeit einen Triumph, von der wir im Leben so vergeblich fantasieren: Wer findet schon seinen Traumpartner! Die Schluss-Szene zeigt, dass da ganz locker zusammengeht, was nicht zusammengehört. Und: Diese zwei, in ihren Äußerlichkeiten so krass auseinanderstrebenden Menschen tun nichts, um einander passend zu machen. Just das zu leben, was ist; nicht aber das, was nur zu scheinen hat, als ob es wäre - vielleicht die gütigste aller Botschaften. Doch lediglich im Film ist das Glück dann wie ein Singvogel, man malt ihn an die Wand und horcht dem ungeborenen Zwitschern nach.

 


Pressestimmen

Hans-Dieter Schütts Essays »Draußen daheim. Wahrnehmungen« umkreisen schreibend das, was der Autor tagtäglich lebt, seine innere Haltung zu allem Außen. Das Welttheater des Wortes! Etwas herbeirufend, das unter dem brachialen Griff der Ideologen sofort erstürbe: eine Gegenwelt des Geistes. Essays sind im Sinne Mörikes Selbsthelferversuche inmitten einer zunehmend fremd werdenden Welt, aber darum keineswegs frei von Zwecken, nur liegen diese im Hintergründigen.
(...) Wer mit Vergangenheit so beladen ist wie Schütt, der bremst, sperrt sich mit allem, was er an Worten hat gegen die Wiederkehr des erkannten Grundirrtums nicht nur des eigenen Lebens, auch der sozialistischen Bewegung: das Gefügigmachen von dem, was nicht ins eigene Konzept passt.
Schütt hat kein Konzept, darum lohnt es überhaupt erst, ihn zu lesen, was immer auch Provokation zum Anderswerden bedeutet, das Betreten neuer Räume, auch wenn man dann plötzlich draußen vor der Tür steht: Immerhin nun im Freien! Die drei Holzschnitte von Hans Ticha (in der Vorzugsausgabe mit einem signierten Original) bringen das Thema »Artist« auf jenen Archetypus, wie er zwischen Höhlenmalerei und Ampelmännchen seit jeher den Spagat zwischen Ritus und Gebrauchsdesign probt.
Gunnar Decker, in: Neues Deutschland, 3. Juni 2015


 



Herstellung: poliTEXTbüro Update: 08.06.2015