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Edition Ornament

Peter Gosse. Welt im Dichten. Essays

 

Vorzugsgrafik von Volker Stelzmann:
die Radierung "V.S. P.G. 2013
nach V.S. P.G. 1982".

Peter Gosse
Über das allmähliche Verfertigen
von Welt im Dichten. Essays

Hrsg., gestaltet und mit einem Nachwort versehen
von Jens-Fietje Dwars
Mit sechs Zeichnungen von Volker Stelzmann
128 Seiten, Zweifarbdruck in Schwarz und Rot,
Fadenheftung in Engl. Broschur mit handmont. Etikett
in Prägung, zinnoberrotes Vor- und Nachsatzpapier,
schwarzer Lesefaden,
500 num. Expl.

50 Vorzugsexemplaren liegt je eine signierte
Radierung "Porträt Gosse" von Volker Stelzmann bei,
gedruckt von der Kupferdruckerei Dieter Béla.


Nur noch 20 lieferbar!

ISBN 978-3-943768-12-1

Vorzugsausgabe Nr. 1-50: EUR 59,90 EUR
Normalausgabe Nr. 51-500: EUR 14,90 EUR

Zu bestellen beim Herausgeber.


Zeichnungen zu den Essays: "Prometheus", "Hildebrandtlied", "Dichter",
"Weltnetz", "Nach-Dichten" und "Schwefelbande".

 

Der Leipziger Lyriker und Poetiklehrter wurde am 6. Oktober 75 und hat seinen Lesern ein Geschenk gemacht: poetische Essays von barocker Fülle und expressiver Sprachkraft.

 

Aus dem Nachwort

Der Titel „Über das allmähliche Verfertigen von Welt im Dichten“ erinnert an einen älteren Text: „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Kleist hat den Aufsatz um 1805 geschrieben, aus seinem Nachlaß wurde er 1878 zum ersten Mal veröffentlicht. Seit 1938 ist das Original verschollen, seit jenem Jahr, in dem Peter Gosse in Leipzig geboren wurde.
Ein merkwürdiger Zufall. Man könnte meinen, der Dichter sei zur Welt gekommen, um Kleists Idee zu leben: daß wir unsere Meinungen und Vorstellungen von der Welt anderen mitteilen sollten, um klare Gedanken daraus zu verfertigen. Genau dies aber praktizieren die vorliegenden Texte. Der Autor sucht das Gespräch mit Autoren und ihren Texten, die ihm nahe sind. Zeitgenossen, Vorgänger, Ahnen, bis ins ferne Indien, wo vor 3000 Jahren jemand eine Liebesgeschichte besingt. Nichts davon ist veraltet, alles gegenwärtig, denn Gosse lehrt uns das Lesen, er verrät die Betriebsgeheimnisse der Dichter. Dichtung schafft keine Ersatzwelt, ist nicht Sonntagsschmuck, um über die Notdurft des Alltags hinweg zu helfen. Sondern Verdichtung des Bestehenden, Wahrnehmung von Welt im Brennspiegel klarsten Sehens, bis zum Schmerzpunkt, wenn wir wegschauen wollen. Gosse nun lehrt uns, wie sie das machen, die Dichter, wie sie die Welt vor unseren Augen erstehen lassen, wie sie uns nötigen, die Sinne zu schärfen und genauer hinzusehen, hinzuhören. Wenn etwa Hölderlin eine Idylle beschwört und sie zugleich im Mißton des Versmaßes bröckeln läßt. Dann wird die Belehrung zum Genuß, zur Entdeckung, die uns bereichert, weil sie uns selbst ein eigenes Vermögen erschließt. Und das wiederum zeichnet den wahren Lehrer aus.
Peter Gosse hat in den 1960er Jahren in Moskau Hochfrequenztechnik studiert, war Ingenieur, bis er 1968 freier Autor wurde, Lyriker, Nachdichter (auch in diesem Band!). Seit 1985 war er Lyrik-Dozent am Leipziger Literaturinstitut, in den Umbruchsjahren 1992/93 kommissarischer Direktor.
Das Besondere seiner Dichtung, ihr Stil, liegt in diesen zwei Polen begründet: eine überschießende Vitalität auf der einen Seite, der Hunger auf Welt und die ebenso unstillbare Sehnsucht, in sie überfließen zu wollen, und zugleich die Präzision des Naturwissenschaftlers, des Technikers, der noch das Überbordende abwägt und nüchtern kontrolliert. Ihr Ausdruck: eine expressive Sprache, die lustvoll ein Thema in Arabesken umspielt, neue Wörter erfindet und sich scheinbar in Marginalien verliert, doch immer das Ganze im Blick behält und die Auflösung einer Form, ihr Zerfließen oder Zergliedern als neue Formgebung meistert. Einfache Sätze werden so mit Sprengkraft geladen, Thesen mit Antithesen gekoppelt. Und das alles auf engstem Raum. Denn im Kleinen und Unscheinbaren verbirgt sich das Große, im Mikrokosmos entdeckt Gosse das All, wie in dem Kinderlied „Ich ziehe mit meiner Laterne“ die ersehnte Harmonie des Universums.
Die Essays dieses spätbarocken Expressionisten sind ein hartes Brot, an dem sich Zuckermäuler die Zähne ausbeißen. Wer jedoch Freude am kraftvollen Kauen hat, der findet in dem Band nahrhafte Kost. Und die Zeichnungen, die Volker Stelzmann extra dafür schuf, vollenden den Genuß. 1940 in Dresden geboren, hat er an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert und ab 1979 gelehrt. Seitdem sind der lyrische und der grafische Bildermacher befreundet, auch wenn Stelzmann heute in Berlin lebt und wirkt. Hier nun, im vorliegenden Band, ergänzen sie einander aufs Schönste.

 

Leseprobe


Ich ziehe mit meiner Laterne
Und meine Laterne mit mir.
Da oben leuchten die Sterne,
Hier unten leuchten wir.

Ein erstaunliches Gedicht, wie mir nach und nach aufgeht. Es leitet die Schlußzeile nicht mit einem „Doch“ ein – „Doch unten leuchten wir“: eines solchen Sich-an-die-Brust-Schlagens bedarf der Text nicht, in seiner geradezu majestätischen und daher gelassenen Selbstsicherheit. Er duldet und er wünscht, geduldet zu sein. Die Erde erscheint weder herausgehoben noch zurückversetzt innerhalb der Sterne, und so assoziiert sich mühelos ein solidarisches Einander-gelten-Lassen Aller – ein redliches Weltbürger-Empfinden ist hier dichterisch am Werke. Und eben indem dieses brüderliche Tolerieren des Nächsten wie des Fernen, dieses Mögen als höchstes Vermögen es nicht nötig hat, lauthals mit der Tür ins Haus zu fallen, hören wir ja hin. Anders gesagt:
Das Gedicht bietet sich dar ohne Ausrufezeichen, es trachtet nicht danach zu bevormunden, zu übertölpeln. Es redet nicht nur von brüderlichem Miteinander, es löst dieses ein: indem es nicht belehrend über unsereinem steht, sondern anheim stellend nebenan. Und was stellt das Gedicht anheim? Ob wir seine heimelige Hochgestimmtheit annehmen oder abweisen. Letzteres fällt schwer. Wahrscheinlich auch deshalb, weil das Gebilde unscheinbar als ein Gelegenheitsgedicht daherkommt und so nicht nur Universum und Erde, Finsternis und Licht einander verbündet. Der Lampion, dieses schüttere Faltpapier-Etwas an einem dünnen Stöckchen, verlebendigt sich und hebt sich derart mir, dem Lebendigen, an die Seite:
Ich ziehe mit meiner Laterne
Und meine Laterne mit mir.
Andeutungsweise zeigen diese wenigen Verse, was Dichtung sein kann: Empfindungskorrelat des eigentümlich geschauten und durchschauten Weltganzen und insofern dieses Weltganzen Krönung. Indem Dichtung sowohl das Koma als auch dessen buchstäblich Gegenläufiges, Amok, hinter sich lässt oder balancierend gegeneinandertreibt in die gelassene Schwebe, wächst sie ruhig aus dem Kern statt aufgeregt aus Randlagen. Es versteht sich, daß das Ich im Laternengedicht zwischen sich und die Welt, sich und die Menschheit keine Schranken packen läßt, Grenzziehungen nationaler, konfessioneller und was weiß ich welcher Art.
Es versteht sich auch, daß die Situationsbeschreibung, um unangestrengt zu utopischer Verbrüderungsgeste zu werden, das Zufällige, Unmaßgebliche tilgt. Keine Attribute. Statt Geschehens Geschichte, statt Provinz Universum.

 

Pressestimmen

Michael Hametner: Peter Gosses Essay-Sammlung (...) ist ein kunterbuntes, aber über jede Farbe hoch gescheites Reden über die Welt der Dichtung und der Dichter. Wie bei Pietraß ist das ja auch eine Auswahl aus etwa 25 Jahren. Welche Nachrichten gibt’s da für uns Leser?

Daniela Danz: Vielleicht sind es nicht eigentlich Essays, es sind auch Anekdoten, die berichtet werden, es sind Leseerfahrungen, sehr konkrete und feine Leseerfahrungen, die könnte man Lehrern anempfehlen und Studenten, um die Feinheiten der Gedichte wahrzunehmen. Es werden auch Gedichte selbst, allein das ist schon sehr interessant, schöne Gedichte selbst wiedergegeben.

Hametner: Und wir erleben in diesem Band Gosse als einen hoch reflektierten und hoch reflektierenden Dichter. Ist das eine Lektüre, ... wo man einen neuen Blick gewinnt?

Ulf Heise: Na klar, das ist natürlich immer wieder sehr inspirierend bei ihm, er kann das einfach auch sprachlich, wobei mich manchmal ein bißchen gestört hat, muß ich der Ehrlichkeit halber einwenden, daß es ein bißchen ins Manirierte tendiert ..., aber nur sehr selten, –
Hametner: – Manchmal hat man das Gefühl, er weiß zu viel –
Heise: – ja, es ist wirklich ein sehr intelligenter Autor und er versucht das auch alles da rein zu packen, aber es wird dann manchmal etwas überportioniert. Aber es ist schon ein toller Blick, den er immer wieder vor allem auf seine Kollegen von der Sächsischen Dichterschule hat ... und dann natürlich die ganz vielen russischen Autoren, die er vorstellt, er hat ja in Russland studiert ...
Bücherjournal, MDR-Figaro, 13. Juni 2013


Seine Essays vollziehen die Entstehung zumeist lyrischer Texte bis in Wortwahl und Betonung nach. Mit dieser an Georg Maurer geschulten Methode bleiben Gedichte für ihn stets lebendig, mehr noch: Sie erstehen vor dem Auge des Lesers neu.
So bringt uns Peter Gosse mit der klaren Sicht des Naturwissenschaftlers – er hat in Moskau Hochfrequenztechnik studiert – und der Erfahrung des Lyrikers Dichtung nahe. Weit ist der Bogen seiner Essays gespannt: von Walther von der Vogelweide, Francesco Petrarca und Friedrich Hölderlin über Walt Whitman, Sergej Jessenin, Pablo Neruda, Rafael Alberti, Nazim Hikmet, Erich Arendt bis hin zu Róža Domašcyna und Thomas Rosenlöcher. Durch sein Studium in Moskau und seine genaue Kenntnis der russischen Sprache stehen ihm Jewgeni Jewtuschenko, Raïssa Achmatowa, Juri Dombrowski, Bella Achmadulina und Nika Turbina besonders nahe; subtil erschließt Peter Gosse Gedichte aus dem Spätwerk Adolf Endlers sowie „Sinn und Form“ der Lyrik seiner Generationsgefährten Elke Erb, Helmut Richter, Karl Mickel, Rainer Kirsch, Volker Braun und des um acht Jahre jüngeren Richard Pietraß.
Dietmar Ebert, in: Thüringische Landeszeitung (TLZ)



Nachricht vom Leuchten der Dichtung
(...) In seiner Sammlung „Über das allmähliche Verfertigen von Welt im Dichten“, auch dazu da, den 75. Geburtstag des sächsischen Poeta doctus, unermüdlichen Förderers und Ermutigers am 6. Oktober zu feiern, wendet er sich in Essays, Miniatur-Aufsätzen und Anekdoten dem Hochamt des exegetischen Denkens zu: dem Sichten und Begleiten einer Reihe Gedichte aus aller Welt, aus der Mitte dieses überaus seltsamen Landes im Besonderen. (...) Tiefernst zum Teil, oft mit feiner Verve und Humor – so ist das Gedicht von Freund Jendryschik verlorengegangen, was P. G. nicht hindert, es zu würdigen – begibt sich der Sichter und Setzer auf die Spur jeder Stimme, erforscht, bedenkt die „Verfertigung von Welt“ in der Arbeit der Kollegen und Weitentfernten. ... Nachdichtungen (werden) kommentiert, beiläufig von der Begegnung mit der Creme der Weltpoesie (Alberti, Hikmet, Jessenin) berichtet. Gewissermaßen beschreibt Gosse so das Rondell seiner synästhetischen Arbeitsweise, von den herrlich-wuchtig-verzagten Zeichnungen Volker Stelzmanns flankiert, die die „Welt im Dichten“ kommentieren und runden.
Der Radius für den Kreis dieser Texte bleibt Peter Gosses staunende, euphorische Liebe zur Poesie: mit rollendem Aug’, aufspringender Freude sieht man ihn etwa über Volker Brauns „Italienische-Nacht“-Furioso gebeugt! Dass er diese Liebe mit uns teilt, ist ein Glücksfall und nährt den Glauben daran, man könne jede, auch diese sich wüst überkullernde, aushöhlende Zeit, mit dem Leuchten, der zaubrischen Würde von Gedichten überstehen. „… es ist noch die (…) Zeit frohen Hoffens“, ruft Gosse im Angesicht des Braun’schen Gelingens – auf das Poem, das sich darin entrollende Liebesspiel paritätisch gemünzt, ist es die Quintessenz, an die sich Lyrik-Connoisseure zu halten haben, zugleich.
André Schinkel in: Palmbaum, Heft 2/2013


(...) Nun, anlässlich seines 75. Wiegenfestes lädt er nicht zur Feier seiner Person, sondern schickt er sich an, andere zu feiern, indem er uns zeigt „Wie sie es machen die Dichter“. Das hat er seit seinen poetischen Anfängen bereits während seines Moskauer Studiums der Hochfrequenztechnik, bei seinen frühen Fixsternen Paul Eluard und Walt Whitman wie bei den lokalen Helden großer Lyrikarenen studiert, mit denen er, wie mit Bella Achmadulina und Jewgeni Jewtuschenko bis in jüngste Zeit verbunden blieb.
Wo er das tut? In dem Essaybändchen Über das allmähliche Verfertigen von Welt im Dichten, mit Zeichnungen Volker Stelzmanns erschienen in der bibliophil wohlfeilen Reihe Ornament des quartus-Verlags. Da versammelt er sie, die Alten wie Petrarca, Walther von der Vogelweide, Hölderlin und Li Tai Bo, Klassiker der Moderne wie Rafael Alberti, Pablo Neruda, Sergej Jessenin und Nazim Hikmet. Und die Generationsgefährten der Sächsischen Dichterschule Mickel, Endler, Braun. und Rainer Kirsch.
In der Kürze der Texte, deren Kernname rot über dem jeweiligen Titel prangt, kann natürlich nicht umfassend analysiert werden. Meist handelt es sich um ein- bis zweiseitige Sonden und Schlaglichter, die kurzweilig Gosses Hang zur spontanen und ansteckenden Begeisterung entsprechen. Der Feinschmecker spürt Nuancen nach und macht, ganz Poesielehrer, der er am Literaturinstitut in den achtziger und neunziger Jahren war, großzügig Ruhmavancen. Besonders Thomas Rosenlöcher, Kerstin Hensel und Roza Domascyna erhielten von ihm, der bei Georg Maurer lernte, das Rüstzeug für ihre eigene dichterische Entfaltung und unverwechselbare Stimme.
Wohl dem, der diesen bisweilen hochreflexiven, erfindungs- und fintenreichen Wortschatz, diesen weltwachen Sprachfluss und erlebnissatten Lebensstrom in seinem Buchregal weiß.
Gosse lesen, heißt erleben, wie Daseinsdinge auf den Knackpunkt und ins Schwingen, Schweben und Verschweben gebracht werden. Unter dem macht er es nicht, der sächsische Bukoliker und plebejische Klassizist, dem der eigene Nabel nicht mehr gilt als die Nabelschnur der Menschheit und die Hutschnur der Völker. Auf dieser Basis ist mit ihm gut Kirschenessen und Weingeist verströmen. Die Bonhommie dieses analysescharfen Denkvergnügten, seine Renaissancenatur mit barocken Zügen, macht ihn zum geliebten Freund. (...)
Richard Pietraß, in: Neues Deutschland (ND) vom 5./6.10. 2013

 

Konzis wird uns auf einer oder einer halben Seite die weltliterarische Eigenart von Petrarca, Hölderlin, Li Tai Bo, Whitman, Neruda, Jessenin nahegebracht. Der Freundeskreis wird vorgestellt: Maurer, Mickel, Endler, Braun, Pietraß..., Begegnungen mit Poeten wie Rafael Alberti,. Jewgeni Jewtuschenko werden erinnert. Gosses Wirken als Lyrikdozent am Literaturinstitut "Joh. R. Becher" mag erst recht seine Fähigkeit zum Glänzen gebracht haben, am signifikanten Detail - sei es ein Zeilensprung oder eine Akzentverschiebung - die Originalität einer Dichtung aufzuweisen: Dichtung als "Empfindungskorrelat des eigentümlich geschauten und durchschauten Weltganzen". Wäre der Begriff nicht immer noch arg belastet, könnte man Gosse als Manieristen bezeichnen - als realistischen Manieristen, der menschliche Daseinslüste und Daseinsnöte in sprachartistischen Balancen/Bilanzen präsentiert. Das freilich auch mit Blick auf den Malerfreund Stelzmann ...
Jürgen Engeler, in: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, Heft 3/2013

 







Herstellung: poliTEXTbüro Update: 20.10.2014