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quartus-Miniaturen

Wulf Kirsten. was ich noch sagen wollte.
23 Gedichte mit drei Kaltnadelradierungen von Susanne Theumer

 

Cover



Die Vorzugsgrafik "Der Diener"

Hrsg. und gestaltet von Jens-F. Dwars.
Mit drei Kaltnadelradierungen von Susanne Theumer.
40 Seiten, handgeheftet in Pappband, farbiger Schutzumschlag
Einmalige Auflage in 444 num. Exemplaren.
Nr. 1-44 liegt je ein signierter Abzug der Kaltnadelradierung "Diener" von Susanne Theumer bei.

ISBN 978-3-943768-25-1

Normalausgabe Nr. 45-444: EUR 12,90
Vorzugsausgabe Nr. 1-44: EUR 49,90

Zu bestellen beim Herausgeber.


Wulf Kirsten, 1934 in Klipphausen bei Meißen geboren, war nach einer Lehre zum Handels-kaufmann als Buchhalter, Sachbearbeiter und Bauarbeiter tätig, bevor er 1960 bis 1964 Deutsch und Russisch in Leipzig studiert hat und Lektor im Aufbau Verlag wurde. Seit 1987 ist er freier Schriftsteller und zählt heute zu den bedeutendsten Dichtern deutscher Sprache.
Zu seinem 80. Geburtstag macht der Weimarer Autor uns ein Geschenk: dreiundzwanzig neue Gedichte, für die Susanne Theumer drei Kaltnadelradierungen geschaffen hat.

Susanne Theumer, geborene Berg, Jahrgang 1975, hat 1993 bis 2002 im Fachbereich Graphik bei Frank Ruddigkeit und Thomas Rug an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein Halle/Saale studiert und ist seit 2004 freischaffend in Höhnstedt und Halle tätig.
Wie Wulf Kirsten verdichtet sie mit ihren Mitteln Landschaften und Porträts zu kraftvoll-spröden, widerborstigen Bildern, die durch ihre Sparsamkeit, leise unaufdringlich, den Betrachter fesseln – nüchtern, präzise, berührend.
Weitere Informationen unter: www.susanne-theumer.de


 


Leseprobe

durchsichtig

letzte reise mit freund Brod,
der schon neun bücher vorweisen
konnte, während Kafka, wohl-
vorbereitet zu Goethe unterwegs,
die pilgerfahrt als literarischer nobody
antrat, eine woche in spartanischer kammer
genächtigt hoch oben für zwei mark,
in einen backfisch verschossen jählings,
namens Gretchen, eben sechzehn geworden,
der unterricht nahm im weißnähen,
bei hochsommerhitze sah Kafka
sie leichtgewandet ziehn
die Erfurter straße hoch, erotisiert
von ihrem durchsichtigen kleid.



laubgeräusch

mitten durch den garten
floß die Wesenitz,
an der verschloßnen remise,
die nie ich betrat,
stand ein rosinenbaum,
nur so genannt,
weil seine früchte
für rosinen gehalten,
ebenso von mir,
unkundig wie ich war,
auch gab es die scheißhüttelbirn’,
so geheißen, weil der baum
seine kraft zog und sog
aus besagtem etablissement
ländlicher schlichtheit dichtbei,
unausforschlich die fülle
der bretterschuppen,
so vieler geniste, dächer
geteert und mit kastenfallen
eines katzenfängers bestückt,
der wußte, wie man sie lockte
und fing, nachts schlief ich,
sollte ich schlafen, in einer
der obstkammern unterm dach,
gehüllt in sortenreichen
apfelgeruch, eingetragen
vom garten über der Wesenitz,
die fremde griff an die kehle,
so viele kammern, verliese,
in denen es spukte, tante
sagte, sicher ein murd,
das rumort wie wild nachts
auch in meiner kammer, schlaf nur,
mein junge, schlaf nur,
die äste des ahorns
schlug der wind aufs dach,
herzbeklemmend befremdlich,
das traumbestückte laubgeräusch
schickte mich in den schlaf.


der diener

diener bin ich gewesen, immer zu diensten,
was mir auch abverlangt wurde
vom generalsekretär, der sich vorauseilend
bereits angelangt wähnte im sozialismus,
privilegiert dank kaderschutz,
als dann vom tatterich geplagt
mein herr und staatenlenker
keinen hasen mehr traf, von denen
er so viele zur strecke gebracht,
mußte meine schulter herhalten,
wehe, wehe, sie wagte zu zucken,
die ohren freilich ertaubten
von der ballerei aus nächster nähe,
feldhasen, wo seid ihr abgeblieben?
untergegangen samt meines gebieters
hakenschlagendem weltreich,
soviel zu mir, jetzt invalid,
wahrhaftiger diener des sozialismus, der,
soweit ich sehen und hören konnte,
vorwiegend auf hasenjagd setzte.

 

Die Presse urteilt:

„Wer wissen will, was den Dichter heute umtreibt, der sollte zu dem Bändchen greifen. Staunend beugt man sich über die Zeilen, die sich kraftvoll satirische Statements leisten, Lakonie und Ironie in einem Maße, wie man es von Kirsten nicht kannte.“
Christian Eger, in: Mitteldeutsche Zeitung

„Eine liebevolle Edition des quartus-Verlages. Wie ein Signal, dass die Hermetik kleiner Kreise das letzte Refugium der ungebeugt Anspruchsvollen ist. Gedichte wie eine Nachspur des gesamten Lebenskreises.“
Hans-Dieter Schütt, in: Neues Deutschland

Was zu sagen und zu benennen ist – das sind die aufgelassenen und zurückgebliebenen Dinge, die vergessenen und an den Wegrändern gestrandeten Vivarien verblassender Existenzen, nicht zuletzt der Zweifel an der eigenen Existenz, die zu führen ist. So wird das Büchlein, zum 80. Geburtstag Kirstens am 21. Juni erschienen, zu einem Beleg der Rückschau wie des herzvollen Vorwärtsdrängens zugleich: in der Tat gehören die neuen Verse dieses großen und achtbaren Mannes zum Beherztesten an Gedichten, was in diesem Jahr erscheint, selbst in den Anwürfen der Resignation, das diesen Texten zuweilen eigen ist.
Das tiefgreifende Vergnügen an diesem Band wird noch gesteigert durch die edle, kongeniale Beigesellung von drei Radierungen Susanne Theumers, darunter das geradezu ungeheuerliche Blatt Der Diener im Frontispiz, das im Originalabzug der Vorzugsausgabe beigegeben ist. Mit der Höhnstedter Künstlerin hat Wulf Kirsten wiederholt gearbeitet, beide, wenn man so will, ›Stimmen‹ ergänzen sich symbiotisch.
Ein in sich ruhendes, gleichsam aufrüttelndes Buch, das verlangt, immer wieder in die Hand genommen zu werden; trotz seiner vornehmen Schmalheit eines der wichtigsten Lyrikbücher, das uns dieser Tage in den Blick tritt.
André Schinkel, in: Palmbaum, Heft 2/2014







 


Herstellung: poliTEXTbüro Update: 19.10.2014